Der Auftritt

Auch in der Werkgruppe „Der Auftritt“ befasste sich Loredana Nemes mit dem Moment des Unbestimmbaren, nicht Eindeutigen und somit Wandelbaren. Die Serie ist während des rheinischen Karnevals entstanden und weist auf die Differenz zwischen Illusion und Alltagsrealität hin. Gleichzeitig ist sie eine Metapher auf das vermeintliche Versprechen der Fotografie, durch eine authentische Wiedergabe der Realität auch das Wesen einer Person erfassen und abbilden zu können.

Was Ort und Zeit angeht, gibt es für ein solches Vorhaben kaum eine bessere Wahl. Zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch herrscht in der Region der kollektive Ausnahmezustand: Es wird exzessiv und mit Inbrunst gefeiert, und die Kostümierung schafft die Voraussetzung, um auszubrechen und sich eine andere Identität zu verschaffen. Eine Identität, die mit Wunschbildern, nicht eingelösten Erwartungen und gesellschaftlichen Leitbildern spielt.

Um in diesem Umfeld schnell und unmittelbar arbeiten zu können, baute die Fotografin auf der Straße ein provisorisches Atelier, das aus einem schwarzen Hintergrundstoff und einem Stuhl bestand. (…) Mit dieser spartanischen Ausrüstung, die durchaus an die technischen Herausforderungen aus der Frühzeit der Fotografie erinnert, entstanden Bilder in der Tradition klassischer Atelierfotografie.

Für die Menschen, die Loredana Nemes aus dem Trubel der Festumzüge, Kneipen und Gasthäuser herausbat, um sie zu fotografieren, entstand eine eigentümliche Situation. Gerade eben noch waren sie in eine Rolle geschlüpft und hatten damit, im Sinne des gemeinschaftlichen Rituals, ihre bürgerliche gegen eine selbstgewählte Identität getauscht. Doch nun, herausgerissen aus der allgemeinen Feierlaune, herrschte für einen Augenblick relative Stille.

Angesichts dieser Umstände sind die Entspanntheit und Ernsthaftigkeit der Porträtierten bemerkenswert. Es scheint so, als wollten sie in diesem Moment die Zeit dehnen, um keine Entscheidung treffen zu müssen zwischen dem Bild ihrer Persönlichkeit, ihrer sozialen Identität und der angenommenen Rolle.

Auszug aus: Ulrich Domröse „Gier Angst, Liebe“ – Text aus dem Katalog zur Ausstellung „GierAngstLiebe“ in der Berlinischen Galerie, 22.06. – 15.10.2018