Overexposed
Weiße matte Linien auf tief glänzendem Schwarz.
Geschichtetes analoges Fotopapier. Das reine Material, das durch die Schichtung die Zweidimensionalität verlässt.
Silbergelatine, die ertränkt in Licht zu dichtem Schwarz wird, ein Schwarz, das das Licht zurückwirft, das Geheimnisse birgt, einen Raum öffnet. Die radikale Schnittkante als Zeichenlinie, als Blattrand, als Ende.
Und dann, im Zusammenwirken der Linien plötzlich eine Landschaft, eine Meeresoberfläche, eine Partitur, eine neue Musik.
Ausgelöst wurde OVEREXPOSED durch den Verlust geliebter Menschen aus meinem Familien- und Freundeskreis. Vier Menschen starben innerhalb von sechs Monaten und die Leere, die sie zurückließen, war so dunkel, dass ich immer wieder an überbelichtetes Papier dachte.
Ich mochte die Absurdität des analogen Positivprozesses, bei dem eine Fülle an Licht ins tiefe Schwarz führt. So öffnete ich lange gelagerte Fotopapierkisten der Marke AGFA, das seit 2005 nicht mehr produziert wird, ich öffnete es bei Sonnenlicht und entwickelte diese Blätter, sodass ich kurz darauf einen Stapel aus schwarz glänzendem Fotopapier erhielt, den ich einige Monate liegen ließ, bevor ich wußte, wie ich weiter vorgehen wollte.
Trauer ist prozesshaft und bringt Verwandlung mit sich. Sie konfrontiert uns mit unserer eigenen Sterblichkeit und unterstreicht die Zerbrechlichkeit allen Daseins. Rilke schrieb „die Toten sterben in uns hinein“ und so trage ich sie bei mir und lebe. Weiterarbeiten konnte ich erst wieder nach etwa neun Monaten: Durch einen diagonalen Schnitt mit einem Teppichmesser das Weiß ins Schwarz holen, wieder Licht sehen, wieder tief atmen. Die Hand schneidet, mal wackelig und schwach, mal gerade und entschlossen, und der Atem fließt. Ich bin da, will bleiben und wieder tanzen.
OVEREXPOSED scheint radikal, abstract und neu. Hält man jedoch die Arbeiten der Serie GRAUBAUM UND HIMMELMEER daneben, Bilder der Buchen und des Meeres, so ist der Zusammenhang sowie die Weiterentwicklung sichbar. Nach Jahren des Reisens und Welteinsammelns nun der Rückzug ins Atelier, Bilder erarbeiten ohne Welt, geschützt und leise.
Wie so häufig, liegt die Inspiration für diese Arbeit bei Hiroshi Sugimoto, dessen Arbeiten aus den New Yorker Kinosälen alle Bilder eines ganzen Films ins weiße Nichts überführen. Seine Überfülle führt ins Weiß, weil er ein Negativ dazwischen schiebt, meine ins Schwarz. Auch der französische Maler Pierre Soulage, dessen lange Auseinandersetzung mit Scharz zu monochromen Gemälde führen, die sich verändern, die vibrieren, wenn man an ihnen entlang geht, war mir innerer Gesprächspartner. Die Art, wie sein Ultraschwarz das Licht zurückwirft, es bricht und verstärkt, hat mich seit je her fasziniert.
Mein kleines Format dieser Serie (30,4 x 24 cm) enthält das richtige Verhältnis von schwarzer Fläche zur weißen Linie und ihrer variierenden Dicke, die mit der Bewegung der Hand schwingt und klingt.
„Tastend suche ich im Leeren den weißen Faden des Wunderbaren zu erhaschen, der zitternd schwingt und von dem die Träume mit dem Geräusch eines Baches entschwirren, der über kostbare, lebende Kiesel fließt.“ (Alberto Giacometti)