Ocna. Eine Annäherung

Der Zyklus Ocna. Eine Annäherung wird bis zum 15.10.2018 in der Einzelausstellung Loredana Nemes. GierAngstLiebe in der Berlinischen Galerie, Berlin ausgestellt.

„Zur selben Zeit wie  23197 entstand auch die Serie  Ocna. Eine Annäherung. Zunächst sind auf den Bildern nur verschiedene männliche Körperteile zu sehen, die wie Treibgut auf einer spiegelglatten, beinahe schwarzen Wasseroberfläche schwimmen. Es sind Fragmente und doch ist zu spüren, dass sie alle zu demselben Menschen gehören. Indem Loredana Nemes den Körper nicht als Ganzes, sondern nur seine einzelnen Teile betrachtet, befreit sie unseren Blick vor dem unwillkürlichen Zwang, all jene Details in Beziehung zu einer ganzen Person zu sehen und sie so zu bewerten. Der Arm ist ein Arm und das Bein ein Bein. Auf der Bildebene werden sie zu Zeichen mit einer eigenen ästhetischen Ausstrahlungskraft.
Parallel zu 23197  greift Loredana Nemes auch hier wieder auf eine Abstraktion zurück, um etwas darzustellen, was jenseits der dinglichen Erfahrung liegt und sich in Bildern schlecht beschreiben lässt, weil es sich dahinter verbirgt. Hier drängt sich die Vermutung auf, dass es sich um einen vertrauten und ihr nahestehenden Menschen handeln muss. Dafür setzt sie diesen Körper einer schonungslosen Betrachtung aus, als könne jedes Härchen und jede Falte etwas über diesen Menschen und sein Geheimnis erzählen. Im Gegensatz zu den überkommenen, makellosen Skulpturenfragmenten aus der Antike ist das hier lebendiges Fleisch, in dessen Arterien und Venen das Blut zirkuliert und dessen Vergänglichkeit sich somit offenbart.
Aber die Künstlerin nimmt auch eine andere Perspektive ein als die Bilder fragmentierter Körper von Thomas Florschuetz und Pesi Girsch aus den späten 1980er-Jahren. Während Florschuetz’ körperliche Selbsterkundungen als Sinnbild des Schmerzes verstanden werden müssen, befassen sich Girschs szenische Inszenierungen mit der Darstellung des Todes.
Ihren Bildern stellt Loredana Nemes eigene Texte zur Seite, die den Bildraum in einen Beziehungsraum überführen. Es sind poetische Reflexionen, die deutlicher als die Fotografien selbst den Prozess einer Annäherung beschreiben, der hinter der alltäglichen Vertrautheit nach dem Mysterium der Liebe sucht. Die beiden Serien 23197  und Ocna. Eine Annäherung  liefern zudem einen wichtigen Ansatzpunkt für das Selbstverständnis von Loredana Nemes: Der immer wiederkehrenden Gefährdung jedes Einzelnen ist in dieser Welt nur mit Empathie und Hinwendung zu begegnen.“

Aus: Ulrich Domröse: Gier Angst Liebe. Text zur Publikation GierAngstLiebe, Hartmann Projects, 2018