Gier

Der Zyklus Gier wird bis zum 15.10.2018 in der Einzelausstellung Loredana Nemes. GierAngstLiebe in der Berlinischen Galerie, Berlin ausgestellt.

„Und dann die Gier . Dreizehn Bilder, die wie eine Partitur aufgestellt sind: Welche Musik hören wir hier? Was wir auf den Bildern sehen, kann unser Auge ohne die Fotografie nicht registrieren. Es sind die Geheimnisse der Ungeduld, der Gier, der Leidenschaft. Loredana Nemes versucht, sie auf dieser Mikroebene der Zeit mit der Kamera einzufangen. Ursprünglich wollte sie die Bewegung der Möwen untersuchen, wenn sie sich gierig auf das Brot stürzen, der heilige Franziskus, der zu Vögeln predigte und sie bewunderte, hätte diesen Vorgang nicht verstanden. Wie so häufig in den Arbeiten von Nemes trifft das Mysterium auf die Wissenschaft, das analytische Verfahren rührt an Kontexte religiöser Kunst. Loredana hat die Möwen zuerst in Berlin »gecastet« und fütterte sie. Die Vögel sammelten sich in Scharen und bildeten unbekannte sagenhafte Wesen. Sie hat lange nach optimalen Lichtverhältnissen gesucht, hat einen Ort in Hamburg gefunden, alles war für die Möwen technisch vorbereitet, nur die Möwen wollten für das tägliche Brot nicht kämpfen. Sie waren satt oder verzaubert und die Fotografin hat sie angeschrien – aus purer Empörung – und wie auf Befehl stürzten sie sich auf das Brot. Ich stelle mir die Wut dieser zierlichen Frau vor und erinnere mich an Hänsel und Gretel, wie sie durch den Wald gingen und die Krümel hinter sich fallen ließen, um später zurück nach Hause zu finden. Aber die Vögel haben alle Krümel aufgefressen.

Und es gab keinen Weg zurück. Nun hat Loredana sie fotografiert, vielleicht auch, um ihrer eigenen Wut, ihrer eigenen Gier zu begegnen. Die Möwen sind riesig, fast so groß wie Menschen. Der Betrachter wird zum Zeugen körperlicher Metamorphosen. Die Möwen scheinen mal aus zartem Porzellan zu sein, dann aus durchbohrtem gefalteten Papier. Mal ist die Zerbrechlichkeit steinhart und mal die Härte zerbrechlich, wie im echten Leben. Die ungestüme Bewegung im Kampf um das Fressen ist eingefroren und wird von einem öligen, schwarzen Gewässer, das wie Quecksilber aussieht, eingerahmt. Für den Bruchteil einer Sekunde – »so kurz wie die Guillotine« sagt Loredana, – sehen wir diese unbewegliche Bewegung, eine Fotografie, die uns die Bildhauerei nahe bringt, als wären die Möwenkörper aus der Schwere des Steins geboren. Ihre Bewegungen bilden eine Geheimsprache, die aus unbekannten Zeichen besteht, etwas Japanisches scheint manchmal hindurchzusickern. Diese neue Körpersprache, diese neue Körperlichkeit ist der Inbegriff der Begierde, die aus dem Geist der Gier geboren wird. Die Möwen vergehen und verschmelzen, sie zerfließen und verschwinden ineinander. Ist das eine Zerstörung? Eine Erlösung? Eine Geburt? Es erscheint brutal und erotisch zugleich. Das letzte Bild, in dem die Möwen aus ihrer militärischen Ordnung ausbrechen, führt uns unerwartet zu Erkenntnissen der religiösen Kunst, so ähnlich sind diese Vögel den Engeln, die sechsflügelig und geschlechtslos sind, Beine haben und Seraphen genannt werden. Sie besetzten die höchste Stufe der Engelschöre. Und die Botschaft, sagen die Bücher, ist ihre pure Existenz.“

Aus: Katja Petrowskaja Die Gier nach Nähe. Text zur Publikation Loredana Nemes. GierAngstLiebe, Hartmann Projects, 2018

Alle Arbeiten der Serie Gier sind Silbergelatineabzüge in 58 x 46 cm in einer Edition von 7 (+ 2 a. p.) und in 125 x 100 cm in einer Edition von 3 (+ 2 a. p.).