beyond

Auch die Serie „beyond“ spricht vom Dead End einer Begegnung. Ich nenne diese Reihe »Verschleierte Männer«. In „beyond“ ist die fremde Welt der muslimischen Männer dargestellt, vielleicht auch die Fremdheit an sich. Wir alle leben neben Menschen, mit denen wir kaum kommunizieren. Wir gehen jeden Tag an Orten vorüber, die fremd und geheimnisvoll bleiben, für einige von uns sind das türkische oder arabische Lokale in Kreuzberg, Neukölln und Wedding. Dort gibt es nur Männer, sie trinken Tee, schauen Fußball, sprechen. Sie sitzen hinter den milchigen Scheiben ihres Männer-Cafés und bleiben für die Passanten, die an ihren Leben vorbeilaufen, unzugänglich, beinahe unsichtbar. Was geschieht dort? Was kann man hier erfahren?

Loredana Nemes hat – im Versuch einer Annäherung – diese Fremdheit fotografiert. Glasscheiben und Eingänge von Cafés, Tee- und Gemeindehäusern. Man erkennt die Figuren hinter den Scheiben, ihre vagen Formen, man erkennt Zimmerpflanzen, aber keine Gesichter. Der Mann bleibt ein unbekanntes Wesen. Auf einem Bild erahnt man drei Männer, die an einem Tisch sitzen, sie sind wie aus Knete geformte Gestalten, wie die Dreifaltigkeit, einer Ikone gleich. Auch ich schaue auf die Fremdheit durch das Prisma der mir bekannten christlichen Kunst.

Neun Monate braucht man, um ein Kind auszutragen, neun Monate hat Loredana Nemes die Caféhäuser aus der Distanz fotografiert, erst dann war sie bereit, den fremden Orten und Männern näher zu kommen. Eine solche Arbeitsweise ertastet eigene Rituale der Annäherung. Nach neun Monaten bat sie Männer in den Cafés, an die Scheibe zu kommen und hinauszublicken. Loredana klopfte an die Scheibe, die Männer hielten für Sekunden still. Nicht Gesichter kamen zum Vorschein, sondern Textur, die Grenze zwischen der Fotografin und ihrem Objekt. Die Glasscheiben mit ihren verschiedenen Mustern und Dekorationen sprechen an Stelle der Männer, sie verleihen ihnen Gesicht und Charakter. Diese Membran wird zum Helden der Betrachtung. Die Männer erscheinen wie aus einem Katalog der Gestalten, aus einer Kunstkammer, einer unheimlichen Maskerade aus dem »Jenseits«: Ein Mann wie Minotaurus mit rautenförmigen Augen und einer Mücke über seinem Kopf, ein anderer wie eine Reminiszenz an Rembrandt, ein weiteres Gesicht wie auf dem Grabtuch Christi, hier ein kariertes Wesen, dort Pharao Tutenchamun durch Jalousien schauend und hinter dem Spitzenvorhang eine versteckte Braut. beyond ist eine Studie über die Fremdheit der fremden Männer oder die Fremdheit des Mannes an sich, ein mutiger Versuch, die Grenzen der menschlichen Annäherung zu zeigen.

Alle Männer haben Namen. Sie blicken nach draußen wie Frosch und Fisch-Prinz aus dem Aquarium, sie sind wie durch böse Kräfte verzaubert, und sogar die Kamera mit all ihrer Zauberkraft kann sie nicht zurückverwandeln und den Schleier aufheben. Die Scheibe scheint ihnen unentzifferbare Gesichter zu verleihen. Vielleicht schauen wir hier direkt in die Augen der nicht fassbaren Vergänglichkeit? Und so erscheinen die Männer wie aus den salzigen Gewässern der Erinnerung, vage und für immer in der Vergangenheit zurückgelassen. Sie bleiben ein Geheimnis. Gerade darin liegt vielleicht ihre Schönheit und Anziehungskraft.

Letztlich bleibt unklar, ob die Männer verschleiert sind oder unser Blick, der im Versuch einer Annäherung über seine eigene Verschleierung nicht hinaus kommt, in den Spitzen hängen bleibt. Die Bilder sind konkret und höchst metaphorisch zugleich. Auch die Frau, die die Männer »untersucht«, die Fotografin selbst, ist »verschleiert«: Sie fotografiert mit einer Linhof-Großformatkamera mit einem Tuch über dem Kopf, wird sie ihnen dadurch nicht ähnlicher?

Katja Petrowskaja, „Die Gier nach Nähe“, 2018 – Text für den Katalog zur Ausstellung „GierAngstLiebe“ in der Berlinischen Galerie, 22.06. – 15.10.2018