beautiful

„Wenn sie einmal groß ist, wird sie Großmutter und dann reist sie nach Deutschland, denn dort ist kein Tod. Doch noch ist sie klein und das Wasser tut weh und der Abfluss hat Augen und der Ofen keucht. Im Bad ist keine Luft und in der Brust kein Platz und zwischen den Schläfen zittert das Pochen. Aber bald, ja bald ist sie groß.“

„Sie kehrt den Teppich. Sie kehrt für die Mutter. Sie kehrt die Sorgen fort und den Vater herbei und die Fransen gerade. Sie kehrt sie von rechts nach Westen und verbündet sich mit ihnen gegen die Großen, denn die treten die Fransen schief und viel zu fest und dann ist nichts mehr, wie es war.“

„Täglich zählt sie ihre Gummibären, schön sortiert nach Farben, mit Beinen und Brüsten, mal feiner, mal wüster. Welch’ Genugtuung sie dann verspürt, welch’ Glück über jedes einzelne Stück. Und wenn sie nach reiflicher Überlegung entschieden hat, dass an einem Tag wie diesem nur der blasseste in den Mund sollte, dann bettet sie diesen erwartungsvoll auf der wachen Zunge, rollt ihn an der Krümmung des Gaumens sanft entlang, lockt ihn in alle Tiefen des Schlundes, bis dieser freiwillig seinen weitgereisten Geschmack preisgibt. Dann leckt sie ihm den Rücken ab, saugt ihm die Blässe aus den Wangen, lutscht ihn mager, füllt den Mund und den Tag mit ihm, dem Auserwählten. Und wenn der Abend kommt, bringt dieser die beruhigende Gewissheit mit, dass für die nächsten sieben Tage die weitaus grelleren Kostbarkeiten reserviert sind. Später, viele Jahre später, betrachtet sie ihren Kontostand, Tag für Tag. Je mehr Geld sie vorfindet, desto glücklicher wird sie. Morgens geht sie oft online und schaut die Zahlen an und eine Sieben stimmt sie ruhig und frei.“

„Sie fahren weg. Endlich fahren sie weg aus dem Land ihrer Wurzeln in das Land ihrer Sprache. Sie sind viele, ältere und jüngere und ganz kleine auf Schößen. Und sie fahren ins erträumte Land mit Hab und Recht und ohne die Mutter der Mutter der Mutter, denn die ist alt und will sterben, wo sie erinnert, in der Erde, die ihren Füßen vertraut ist. Sie bleibt zurück und in ihre Wohnung gesellt der Staat eine andere, fremde Familie mit Mutter und Vater und kleinem Kind. Und das Kind baut ein Schiff aus zwei Stühlen mit Regenschirm und dann segelt sie mit ihm nach Afrika und unterwegs essen sie Möhren, die dem Kind besser schmecken, seit ihre schiefen Finger die Süße hineinschälen. Und weil sie sehr alt ist, ist sie wieder klein, aber das passt gut. Und so gehen sie oft zusammen spazieren, und die ein wenig Größere hat ihre Hand auf dem Kopf ihrer kleinen Freundin, die anhält, wenn die Müdigkeit in die Hand kommt, denn sie haben es nicht eilig. Seit langer Zeit ist ihr Rücken krumm, gebogen vom vielen Leben. Man könnte ihn Buckel nennen, aber es ist der Bogen der Zuneigung, der dem jungen Gesicht das alte näher bringt, so nahe wie nur wenige zu dieser Zeit.“

„Sie kehrt heim von der Schule. Sie hasst die Schule, denn die Schule hasst die Jungen und belehrt nur Mädchen. Sie spielt den Hass weg und blutet sodann. Warum blutet sie? Sie wäscht das Blut und die Beine ab und zieht frische Hosen an, drunter und drüber. Sie wartet und fürchtet sich, denn sie blutet wieder und versteht nichts mehr. Sie wäscht das Blut und die Beine ab und zieht frische Hosen an, drunter und drüber. Sie wartet erneut und fürchtet sich mehr, denn das Blut blutet wieder und die Beine nieder. Sterben wird sie, sie wird gewiss bald sterben und schuld an allem ist Deutschland, dieses jungenleere Deutschland, in das sie musste und nichts wusste, und nun ist nichts mehr, wie es einmal war.“

Texte von Loredana Nemes, 2013