23197

Der Zyklus 23197 wird bis zum 15.10.2018 in der Einzelausstellung Loredana Nemes. GierAngstLiebe in der Berlinischen Galerie, Berlin ausgestellt.

„Wenn die detailgenaue Schärfe bei Gier von entscheidender Bedeutung war, dann ist es bei der jüngst abgeschlossenen Werkgruppe 23197  die Unschärfe. Seit der Frühzeit der Fotografie wurde diese immer wieder als Stilmittel eingesetzt, um den Bildern auf emotionaler Ebene einen größeren Wirkungsraum zu gewähren. Um 1900 bedienten sich beispielsweise die »Piktoralisten« dieses Effekts.
Loredana Nemes verwendet die Unschärfe hier, um mit einer sehr persönlichen Angsterfahrung fertig zu werden. Weil sie das beklemmende und lähmende Gefühl, das sie dabei erlebt hatte, mit der tiefgreifenden aktuellen gesellschaftlichen Verunsicherung in Verbindung bringen wollte, wandte sie sich einem Motiv zu, das in den letzten Jahren im Zusammenhang mit terroristischen Gewaltakten auf eine verstörende Weise präsent geworden war: den sich häufenden Anschlägen mit Lkws in vielen Teilen der Welt.
Sie fotografierte die Lkws nicht, wie man vermuten könnte, in der Umgebung des bedrängenden städtischen Straßenverkehrs, sondern fiktionalisierte eine Bedrohung, indem sie ihre Kamera mit nur wenigen Metern Abstand frontal vor parkenden Lkws positionierte und dann das hochauflösende Objektiv ihrer Mittelformatkamera kurioserweise so unscharf stellte, dass die Fahrzeuge beinahe vollständig in einer Art Nebel verschwanden. Auch wenn die Abstraktion nicht das eigentliche Ziel dieser Bilder war, so ermöglicht diese Entscheidung eine Vorstellung von dem traumatischen Moment, der entsteht, wenn ein Mensch in lebensbedrohliche Gefahr gerät. Im Augenblick der Angst reagieren die Nervenzellen  und fördern aus dem Unterbewusstsein alle möglichen unerwarteten Reaktionen zutage.
Diese irrationale Bedrohung wird für den Betrachter allerdings erst in dem Moment spürbar, wenn durch den typologischen Vergleich bestimmte, immer wiederkehrende konstruktive Details wie Windschutzscheiben, Kühlergrill und Scheinwerfer erkennbar werden. Das ist der Zeitpunkt, in dem die Bilder ihre meditative Unschuld verlieren und in dem aus dem Nebel heraus mehr oder weniger spannungsgeladene »Gesichter« entstehen. Die Farbe ist in diesem Zusammenhang nicht nur ein Verstärker dieses anthropomorphen Mechanismus, sondern wird zugleich zum Auslöser und Reflex individuell erlebter psychischer Stimmungswerte. Erst mit der Konfrontation des drohenden Todes verdunkelt sich die ästhetische Qualität dieser Fotografien.
In diesem Sinne sind die 20 Bilder von 23197  auch unscharfe »Porträts«, die an Dunja Evers in den späten 1990er-Jahren bekannt gewordene unscharfe Frauen- und Männerporträts und an die flirrenden horizontal geschichteten Farbflächen von Mark Rothko erinnern. Um die Dimensionen der Angst mit ihrer tiefgreifenden Verunsicherung und Bedrängnis auch auf anderer Ebene ins Bewusstsein zu rufen, fügte Loredana Nemes den Fotografien Permutationen, Konjugationen und ein Alphabet der Angst hinzu. Es sind sprachliche Assoziationen, die, wie bei den Permutationen der Buchstaben ANGST, eine Vorstellung vom Gefangensein in diesem Zustand vermitteln. Auf einer übertragenen Ebene weist diese Art der Auseinandersetzung auf einen Ausweg hin, denn sie unterstreicht damit die Bedeutung der eigenen Aktivität und des Tuns.“

Aus: Ulrich Domröse: Gier Angst Liebe. Text zur Publikation GierAngstLiebe, Hartmann Projects, 2018